Die Logik der Schmerzen
Institut für Biokinematik
Die Biologische Kinematik
Die Statik beschreibt die Geometrie gleichbleibender Kräfte. Führt man die
Statik in Bewegung über, kommt man zur Kinematik.
Ein bewegter Körper muß gesteuert und geregelt werden. Die Wissenschaft
der Steuer- und Regelungstechnik heißt Kybernetik.
Kinematik und Kybernetik können gestört sein, es kommt zu spezifischen Beschwerden
und Krankheiten, zu Pathologien der Kinematik. Wenn die Bewegungsgeometrie
gestört ist, dann wird dies als Schmerz empfunden.
Der biologische Körper ist kein Zufallsgebilde, sondern unterliegt mathematisch erfaßbaren, geometrischen Bewegungsgesetzen (Kinematik). Entsprechend diesen Gesetzen sind die Bestandteile des Bewegungsapparates zusammengesetzt und geformt. Mathematische Grundlage ist die projekive Geometrie von Kegelschnitten. Der biologische Körper ist ein projektiv veränderliches System. (Satz von Rivals, 1843, Paris).
Die Lebensäußerungen des Körpers entsprechen den von den Bewegungsgesetzen vorgegebenen Fähigkeiten des Körpers. Es gibt unterschiedliche Körper mit unterschiedlichen Eigenschaften. Vögel können fliegen, Fische können schwimmen, Menschen können laufen. Diese Bewegungsgesetze kann man nicht ungestraft durchbrechen.
Ein Mechanismus, ob vom Menschen hergestellt oder von der Biologie, bewegt nicht von alleine. Er muß geregelt und gesteuert werden (Kybernetik). Der biologische Körper wird teilweise bewußt, teilweise unbewußt geregelt. Es sind Regelungen für den inneren Körper und Regelungen in bezug auf die äußerer Umgebung des Körpers erforderlich. Geregelt wird auf der Basis von Informationen, die mittels entsprechender Rezeptororgane erfaßt werden. Es gibt Rezeptororgane für die äußere Umgebung des Körpers (Auge, Ohr...) und welche für die inneren Verhältnisse des Körpers (Mechano-, Chemorezeptoren...). Alle Rezeptororgane arbeiten analog. Die analog ankommende Information wird in digitalisierter Form über das Nervensystem im Körper weitergeleitet. Der Nerv stellt selbst keine Information her (auch keinen Schmerz). Die gesammelten Informationen werden zentral im Gehirn verarbeitet.
Kommt es zu Formveränderungen also Änderungen der geometrischen Eigenschaften von Teilen des Bewegungsapparates, dann kommt es zu Verlusten von Fähigkeiten und somit zu Einschränkungen von Lebensfunktionen. Der Körper wird krank.
Da die Bewegungen und Formen des Körpers einander mathematisch eindeutig zugeordnet sind, können die Störungen der Bewegungsgeomtrie sinngemäß mathematisch systematisiert werden.
Schmerz z.B. ist Ausdruck der geometrischen Bahnabweichung, welche durch den Gegenspieler des schmerzhaft aktiven Muskels verursacht wird.
Die Stelle, die schmerzt, ist gesund, und eine lokale Therapie an dieser Stelle ist verfehlt. Nur was gesund ist, kann überhaupt weh tun.
Was krank ist, ist nicht schmerzhaft. Krankheit produziert Schwäche nicht Schmerz. Wenn also ein Kniegelenk weh tut, dann ist der Schmerz die Gewähr dafür, daß das Gelenk gesund ist. Die Ursache für den Schmerz ist außerhalb des Gelenkes zu suchen.
Eine Operation am Gelenk wird das vormals gesunde Gelenk krank machen. Das kranke Knie ist schmerzfrei. Diese Art der Schmerzbefreiung wird als therapeutischer Erfolg gewertet.
Sämtliche Schmerzursachen münden in den gleichen pathologischen Prozeß
Alles das und nur das, was geeignet ist, geometrische Bahnabweichungen hervorzurufen, führt zu Schmerz. Solange die Geometrie intakt ist, gibt es keinen Schmerz.
Die Möglichkeiten, die Geometrie zu stören, sind so vielfältig, wie das Erscheinungsbild der Schmerzen vielfältig ist. So vielfältig die Ursachen auch sein mögen, alle münden in die pathologische Veränderung der Geometrie. Eigentliche Schmerztherapie wird so zu einer Therapie an der Geometrie.
Strukturbezogene Ausdrücke wie Nervenschmerz, Gelenkschmerz, Knochenschmerz, Entzündungsschmerz usw. sind irreführend. Solche Schmerzbezeichnungen entstammen dem subjektiven Erleben und führen zu falschen therapeutischen Konsequenzen.
Die Vielzahl bekannter Schmerzen können in zwei Kategorien unterteilt werden.
Schmerzen können durch Fremdeinfluß von außen (exogen) hervorgerufen werden oder ohne Fremdeinfluß durch Eigenaktivität im Körper (endogen) entstehen. Der exogene Schmerz verhält sich akut, der endogene chronisch.
Exogene, akute Schmerzen entstehen bei Körperverletzungen und entsprechen einer Gefahrensituation. Ein Nadelstich kann tödlich sein. Der Schmerz steht für einen Schaden. Angst vor solchem Schmerz ist berechtigt und notwendig.
Die Abwehr gegenüber diesem Schmerz ist identisch mit der Abwehr gegenüber der Schadensursache. Das Ziel der Abwehr liegt außerhalb des Körpers. Der Schmerz wird an derjenigen Körperstelle empfunden, wo der Angriff auf den Körper stattfindet. Es tut dort weh, wo die Nadel sticht. Der Prozeß ist akut und dauert genau so lange, wie die Fremdeinwirkung anhält.
Hat der Körper sich der Fremdeinwirkung entzogen, verliert solch ein Schmerz seinen Sinn, da eine Abwehr nach außen nicht mehr notwendig ist. Der Schmerz hört auf oder er wandelt sich zum chronischen Schmerz, wandert von der Verletzungsstelle weg und hinterläßt diese schmerzfrei.
Der endogene, chronische Schmerz entsteht ohne Kausalzusammenhang mit der Umgebung des Körpers. Nicht Fremdeinwirkung sondern Eigenaktivität ruft diesen Schmerz hervor (Kopfschmerz, Hexenschuß, Migräne). Umgebungsreize können diesen Schmerz modifizieren, ggf. auslösen, jedoch nicht produzieren. Dieser Schmerz kann jahrzehntelang bestehen. Dies ist der Schmerz mit dem man es normalerweise zu tun hat.
Im Gegensatz zum exogenen Schmerz entspricht der endogene Schmerz keinem Verletzungsvorgang und keinem Schaden. Dies zeigt sich schon daran, daß an chronischem Schmerz noch keiner gestorben ist. Der Schmerz ist lästig, u.U. sogar extrem stark, jedoch harmlos.
Man ist gesund und hat trotzdem Schmerzen. Dies hinterläßt Unsicherheit und Angst und auf der Suche nach den Ursachen solcher Schmerzen kommen die unterschiedlichsten, meist vom subjektiven Empfinden abgeleiteten Erklärungen zustande. So wird eben “der Nerv”, “die Arthrose”, “die Psyche”, “der Stoffwechsel” und vieles mehr beschuldigt und “therapiert”.
Der initiale Fehler besteht in der Vermengung von exogenen und endogenen Schmerzen. Damit wird chronischen Schmerzen die gleiche Bedeutung zuerkannt, wie sie bei akuten Ereignissen berechtigterweise besteht. Dieser Denkkurzschluß ist ein Hemmnis für die Bewältigung von Schmerzen, da die Gleichsetzung von Schmerz und Gefahr die Auseinandersetzung mit dem Schmerz und damit das Erkennen der tatsächlichen Zusammenhänge verhindert.
Die Erkenntnis der inneren Zusammenhänge ist jedoch die Voraussetzung für die Befreiung vom Schmerz. Der Schmerz ist ein Problem der Logik und mit den Mitteln der Logik zu erfassen.
Walter Packi
Arzt
Mrz. 2005